Der Lauf meines Lebens

Es wabbelt und schlackert

30 Grad. Unerträgliche Hitze. Die Sonne brennt erbarmungslos und der Horizont flimmert. Ich schaue auf mich hinunter und sehe, wie mein Bauch einen nassen Abdruck auf meinem Shirt hinterlässt. Ich verfluche mein Auto, ich verfluche die Entfernung bis zur nächsten Tankstelle. Warum musste dem Wagen auch exakt 20 Kilometer von der nächsten Tankstelle das Benzin ausgehen? Besonders aber verfluche ich mein Gewicht. Ich bin fett und das muss sich endlich ändern.

Der Kampf um das Gewicht

Was machen Sie an einen normalen Samstagabend? Gehen Sie essen? Spazieren Sie durch den Park oder unternehmen Sie eine Radtour? Schön für Sie. Ich sitze derweil auf meiner Couch und schaue mir Filme an. Viele Filme. Wissen Sie, ich bin ein Filmfan und weiß alles über Filme. Doch Frauen scheinen das nicht unbedingt sexy zu finden. Facebook ist daher eine No-Go-Area für mich. Diese ganzen Bilder von verliebten Pärchen und den unglaublich tollen Urlaubsorten. Hawaii, Malediven, Seychellen. Wow, ihr habt ein tolles Leben. Ihr mit euren attraktiven Partnern, den absurd weißen Zähnen und braungebrannten und durchtrainierten Körpern. Ich beneide euch überhaupt nicht. Ok, ein bisschen. Gerade liege ich wieder auf der Couch und schaue mir B-Movies an. Ich schwitze und atme schwer. Der Sommer ist mein Kryptonit. Alles über 30 Grad ist purer Horror für mich. Treppensteigen oder längere Wege zu Fuß sind dann kaum machbar, ohne dass ich dabei keuche wie kurz vorm Tod. Apropos Tod: Wissen Sie, wie hoch mein Cholesterinwert ist? Garantiert viermal so hoch wie Ihrer. Aber ich bin 34 und Single. Meine Klamotten sind jenseits von XXXXXL und mein Hausarzt zeigt mir neuerdings verdächtig oft Broschüren von Beerdigungsinstituten. Entweder hat er einen sehr schwarzen Humor oder er macht sich bereits Gedanken darüber, was er auf meiner Beerdigung sagen würde. Sie sehen, dass es so mit mir nicht weiter gehen kann. Was also tun?

Kein Sport ist auch keine Lösung

Jetzt ist mittlerweile Herbst und mein Puls geht endlich nicht mehr hoch, sobald ich mich morgens aus dem Bett erhebe. Was ist passiert, werden Sie sich jetzt fragen? Nun, das erzähle ich gerne.

Wissen Sie noch, der heiße Sommer dieses Jahr? Ich schwitzte wie ein Schwein vor der Schlachtbank und fühlte mich echt mies. Also hatte ich am nächsten Tag einen Entschluss gefasst: Ich specke ab. Ich specke richtig viel ab. Ich zog am nächsten Tag in die Kölner Innenstadt und schaute mich zunächst nach passenden Laufschuhen um. War aber ziemlich schwierig, denn viele Verkäufer rieten mir davon komischerweise ab.:

Ich: Hallo, ich möchte mit dem Laufen anfangen und brauche dafür Laufschuhe. Welche können Sie mir empfehlen?

Verkäufer: Ähm..warten Sie, da hole ich mal meinen Chef dazu, bevor Sie uns später verklagen…

Ich: Verklagen? Ich verstehe nicht..aber ok..holen Sie mal ihren Chef her..

Chef kommt und schaut mich von oben bis unten an.

Chef: Junger Mann, Sie sind eindeutig zu fett fürs laufen. Ich rate ihnen davon ab. Ihr Herz würde das nicht verkraften und am Ende verklagen Sie uns deswegen noch, weil wir ihnen dazu geraten haben. Nein, Nein..das sollten Sie lieber lassen. Am Neumarkt ist doch eine Praxis für ästhetische Chirurgie, vielleicht sollten Sie sich da mal vorstellen. Das wäre gesünder.

Ich habe darauf gar nichts mehr gesagt und bin aus den Laden gegangen. Aber aufgeben wollte ich nicht. Also habe ich nach weiteren Läden geguckt und einen Laden gefunden, der sich Sportshop-Triathlon nennt, gefunden. Na ok, ein Triathlet wollte ich jetzt nicht werden, aber die Verkäuferin war ziemlich nett zu mir und hat mir schicke Laufschuhe verkauft. War zwar nicht billig, aber Sport kostet eben Geld. Passend dazu gab’s dann noch eine Laufhose, die mir sogar gepasst hat und ein Lauf Shirt, das – Sie ahnen es – etwas klein geraten war. Egal, ich hatte meine erste Laufausrüstung und bin motiviert nach Hause gefahren und habe sogar den obligatorischen Pflichtbesuch bei BurgerKing weggelassen.

Aller Anfang ist schwer

Am nächsten Morgen stand ich pünktlich um 7 Uhr am Eingang des Parks, der bei mir um die Ecke liegt und schaute auf mein Handy. 2 Kilometer war mein Tagesziel. Ich startete die App und lief los. Ok, es war eher ein entspanntes Gehen und nach einer gefühlten Ewigkeit schaute ich auf mein Handy. Laut App sollte ich erst 200 Meter gelaufen sein. Ich schüttelte das Handy. Das konnte doch gar nicht stimmen und murmelte irgendetwas von Bug und einen Fehler mit dem GPS. Aber ich lief weiter, auch wenn mein Herz pumpte, als gäbe es kein morgen mehr. Nach quälenden 2 Kilometern war ich kaputt und schnappte panisch nach Luft. Ich war komplett durchgeschwitzt und ich hatte das Gefühl, als ob ich die ganze Strecke Moskau-Paris gesprintet wäre. Aber ich hatte durchgehalten und der erste Tag mit meinem neuen Hobby hatte ich erfolgreich gemeistert.

Laufen macht schlank

Und so ging es dann den ganzen August weiter. Jeden Tag lief ich 2 Kilometer und aß tagsüber gesünder. (Mein Stammdöner ging ohne mich anscheinend pleite. Komischer Zufall) Nach zwei Wochen hatte ich bereits mein erstes Erfolgserlebnis. In der Bahn rutschte mir plötzlich die Jeans nach unten, weil ich den Gürtel bisher nie brauchte. Zwar schrie eine frigide Mutti, als sie mich so sah aber ich war stolz wie Oskar. Endlich brauchte ich wieder einen Gürtel!

Wenn die Lunge nach mehr Sauerstoff durstet und die Beine schwerer werden weiß man, dass man sich quält. Ich erhöhte das Laufpensum auf 3 Kilometer pro Tag und Ende August auf 4 Kilometer. Alle zwei Tage lief ich in dem Park meine Runden. Und plötzlich merkte ich, dass mir das laufen Spaß machte und der Appetit auf fettiges essen nachließ. Hallo Gemüse und Obst, auf Wiedersehen Fast Food!

Wie ein neuer Mensch

Mittlerweile haben wir Mitte September und laut Waage wiege ich nur noch 112 Kilo bei 1,78 m. Satte 30 Kilo habe ich bereits abgenommen. Ich musste mir neue Klamotten kaufen und mein Hausarzt zeigt mir neuerdings Broschüren für Lauf Events. Ich fühle mich wohl in meiner Haut und achte bewusst auf meine Ernährung. Und oft denke ich an die heißen Tage im Sommer zurück, als ich meine Laufschuhe in diesen Sportshop-Laden gekauft habe. Hätten die mich auch weggeschickt, wer weiß, ob ich jemals mit dem laufen angefangen hätte. Vielleicht war es Schicksal, vielleicht aber auch Zufall. Nur eins weiß ich genau: Ohne Sport hätte mein Leben einen anderen Weg genommen. Und der wäre sicherlich unschön gewesen. Ich bin nicht mehr fett. Es wabbelt und schlackert weniger und nächstes Jahr fahre ich in den Urlaub. Nach Hawaii, auf die Seychellen oder vielleicht auch nur Rügen. Dann werde ich mein Shirt ausziehen und mich oberkörperfrei fotografieren. Anschließend werde ich das Selfie stolz auf Facebook posten. Und abends laufe ich dann. Bis die Lunge nach mehr Sauerstoff durstet und die Beine schwerer werden. Versprochen.

Foto: Petra Bork  / pixelio.de

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