Fernbeziehung

Mein Name ist Andreas, ich bin 26 Jahre alt und lebte 5 Jahre in einer Fernbeziehung. Das bedeutet, dass ich Skype fast täglich genutzt habe und mein linkes Ohr ganz plattgedrückt vom vielen Telefonieren war. Ich benutzte fast ständig die Wörter „Sehnsucht“, „Vertrauen“ und „Bald“. Warum ich nicht schon längst die Fernbeziehung beendet habe oder zu meiner Freundin gezogen bin? Das kann ich euch gerne erzählen…

Endlich Abi, endlich Studieren, endlich in die Ferne!

Meine Mutter wischte sich die Tränen weg und umarmte mich, als würde ich in den Krieg ziehen. Sie war so stolz auf mich. Aus dem kleinen blassen Jungen, der mit Ach und Krach die 10. Klasse geschafft hatte, war zwei Jahre später ein erwachsener Mann mit einem Abiturzeugnis  der Note 1,9 geworden. Ich hielt das Dokument noch etwas ehrfurchtsvoll in den Händen. Mir standen alle Wege offen und vor allem bedeutete das Abitur das Ende der lästigen Schulzeit und der mutige Schritt in die Freiheit. In eine fremde Stadt mit neuen Leuten und einem Studium, dass mich geistig herausforderte und vielen, vielen Studentenparties. Mich zog es nach Berlin, denn die Freie Universität zu Berlin hatte meine Bewerbung für das Studium der Politikwissenschaft angenommen. Ich freute mich drauf, denn Berlin lag etwa 500 Kilometer entfernt. Ich war nur einmal in der Stadt an der Spree gewesen und dieser eine Besuch hatte mich zum Berlin-Fan werden lassen. Ich versuchte sogar, den Berliner Slang nachzuahmen. Hatte es aber nach der ersten Wohnungsbesichtigung lieber gelassen, weil die Vermieterin mich anraunzte, ich soll als Wahl-Berliner nicht ihre Sprache verhunzen. Ich blieb also bei meinem mitteldeutschen Dialekt, unterschrieb nach 3 Wochen meinen Mietvertrag für eine 1,5 Zimmer-Wohnung im Berliner Wedding und war bereit für mein neues Leben in der Hauptstadt.

Und dann? Dann kommt da im Frühherbst 2011 dieses Mädel auf eine Party meines Cousins und haut mich von den Socken. Was für Augen! Was für ein Lächeln! Ich starrte sie gefühlte 30 Minuten an, bis mein Cousin ganz unauffällig mich anstupste und mich fragte, ob ich sie kennenlernen will. Was dann folgte ist so typisch Disney-Film. Wir unterhielten uns lange, knutschten morgens um 5 am Dorfanger rum und tauschten Nummern aus. Es waren noch 6 Wochen bis zum Studienstart und sie wusste mittlerweile, dass ich nach Berlin zog. Sie nahm es locker, denn sie studierte in Dresden Soziologie und wollte garantiert keine Fernbeziehung. Ich auch nicht. Alles super, alles easy. Dachten wir. Bis wir drei Wochen später merkten, dass wir uns ja doch schon ganz doll mögen. Was nun? Keiner wollte den Studienort wechseln. Das Wort Fernbeziehung wurde wieder aus der Versenkung geholt und nächtelang darüber philosophiert. Fernbeziehung, das klang mutig und naiv, aber irgendwie auch romantisch-schön.

Das böse Wort mit F

Ich glaube, wenn sich ein frisch verliebtes Paar am Bahnhof verabschiedet, macht der Gott der Liebesbeschwörungen Überstunden. Es fiel uns schwer. Ich weinte, sie weinte. Alles war zutiefst deprimierend und die dunklen Wolken machten das melodramatische Bild komplett. Es gab zum Glück schon die SMS-Flatrate und später auch Whatsapp, damit die liebestriefende Kommunikation im Sekundentakt vollzogen werden konnte. Wir fuhren beide in unsere Städte, waren offiziell laut Facebook ein Paar und würden uns doch erst in 5 Wochen wiedersehen. Das Experiment Fernbeziehung hatte begonnen.

Und täglich grüßt das Murmeltier

Die Semester mäanderten vor sich hin und es entwickelte sich im Laufe der Zeit eine typisch deutsche Routine. Die morgendlichen Nachrichten, Bilder vom Frühstück, Sykpen am Abend und ein wildes übereinander herfallen alle 4-5 Wochen. Die Eifersuchtsszenen kamen und gingen und die vielen Momente des Hinterfragens einer Fernbeziehung, die ich in der späteren WG-Küche mit meinen Mitbewohnern erlebte, bringen mich heute zum Schmunzeln. Der Bachelor sagte artig Adieu und der Master stellte sich wissenschaftlich akkurat bei mir vor. Wir wurden gute Freunde und auch meine Freundin fing eine wissenschaftliche Beziehung mit einem Master an. Wir besuchten uns regelmäßig und das Wort „Fernbeziehung“ wurde ein abgenutzter Begriff. Eine Lebenseinstellung und ein Gefühl, dass wir so nur kannten. Wir hatten unsere Freiheiten und vertrauten einander.

Was ist schlimmer als eine Fernbeziehung?

Ihr fragt euch jetzt sicher: Hey erzähl, was war nach den 5 Jahren Fernbeziehung? Hochzeit? Kind? Nun: Wir zogen 2016 tatsächlich zusammen. Aber weder nach Berlin noch nach Dresden. Wir trafen uns in der Mitte: In Leipzig (naja ganz mittig war Leipzig jetzt nicht…). Ich arbeitete in einer Beratungsfirma und meine Freundin beim Sozialreferat der Stadt. Wir freuten uns, dass wir die 5 Jahre Fernbeziehung erfolgreich hinter uns gelassen hatten und nun endlich zusammen in einer Wohnung lebten. Zusammen. Täglich. 24 Stunden. Es war eine Katastrophe. Von ersten Tag an stritten wir über Kleinigkeiten, Essgewohnheiten und Haushaltsdinge. Es fing nicht gut an mit unserer gemeinsamen Wohnung und wurde von Woche zu Woche schlimmer. Es ging nicht mehr. Was dann folgte, war der Schritt, der uns beide ziemlich schwerfiel. Wir trennten uns. Aus der Traum einer Ehe, mit 2,1 Kindern und Eigenheim mit Carport und Schäferhund. Die Fernbeziehung hatte 5 Jahre überstanden, aber danach war das gemeinsame Zusammenleben eine einzige Katastrophe. Du hattest jetzt ein romantisches Happy End erwartet? Das Leben ist aber nicht immer ein tolles, Disney-Erlebnis, wo alles gut wird. Ich bereue diese Trennung nicht und meine Ex-Freundin auch nicht. Wir sind gute Freunde geworden und hassen uns nicht. Und manchmal denken wir an die Fernbeziehung zurück, die 5 Jahre unser Leben begleitet hat. Dann schauen wir uns in die Augen und lächeln verliebt.

Foto: Jerzy  / pixelio.de

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